Beethovendenkmal vor dem Postamt Bonn - Lions Club Bonn - Beethoven

Meldungen im Detail

03. Juni 2007

Festansprache zur Charterfeier am 25. März 2006, La Redoute, Bonn-Bad Godesberg

Von: Dr. Barthold C. Witte

Ludwig van Beethoven – wer den Namen des berühmtesten Sohns unserer Stadt für sich in Anspruch nimmt, der lädt Lust und Last auf sich.
Der Name schmückt, sogar ganz ungemein – das ist die Lust. Und die Last?

Keine Bange, sie besteht nicht etwa darin, dass alle Mitglieder des Lions Clubs Bonn-Beethoven ab sofort verpflichtet wären, nach dem Vorbild des großen Mannes musikalische Werke zu komponieren oder zumindest als Klaviersolisten aufzutreten. Nein, so weit geht die Verpflichtung nicht. Aber sehr wohl bedeutet sie, der Person Beethoven als einem Vorbild nachzueifern.

Ich frage nun aber doch: Ist Ludwig van Beethoven ein solches Vorbild?
Frühere Generationen haben ihn als einen Helden verehrt, gar als einen Titanen, wie ihn Max Klinger in der Leipziger Beethoven-Statue modellierte und wie er noch in der zementenen Nachbildung erkennbar ist, die im Bonner Rheinauenpark an versteckter Stelle abgelegt wurde.
Nein, den heute Lebenden ist nach solchem Heroismus nicht zumute. Näher steht uns schon der leidende und liebende Beethoven, der, als er taub wurde, das bewegende Heiligenstädter Testament zu Papier brachte und der später den hochemotionalen Brief an die „unsterbliche Geliebte“ schrieb, wer immer sie war. Wie die Person, so das Werk: All das – Heldentum, Leiden, Liebe -und noch mehr, zuweilen sogar Humor und Spott, empfinden wir mit, wenn wir Beethovens Musik hören.
Ja, seine Werke rühren in uns Empfindungen und Vorstellungen auf, die uns, wenn wir ihnen folgen, nicht nur innerlich bewegen, sondern mehr noch auf den Weg zum vollen, zum besseren Menschsein führen. Musik – so hat uns der große Geiger und Menschenfreund Yehudi Menuhin gelehrt, dem ich freundschaftlich verbunden war – Musik kann in der Tat die Menschen zum Besseren verändern.

Eben dies wollte Ludwig van Beethoven erreichen. Warum sonst hätte er Schillers Ode an die Freude als letzten Satz seiner letzten Symphonie so unvergleichlich in Töne gesetzt?
Mit Schiller verband ihn vor allem die feste Überzeugung, ein gutes, ein positiv erfülltes Leben sei nur in Brüderlichkeit und in Freiheit erreichbar. „Alle Menschen werden Brüder“ – heute und im Kreise eines gemischten Clubs müsste es heißen: „Geschwister“ – mit diesem Satz erreicht die Neunte Symphonie einen musikalischen Höhepunkt. Und wer je Beethovens einzige Oper „Fidelio“ auf der Bühne erlebt hat, wird nie mehr vergessen, wie am Ende des ersten Akts der Gefangenenchor die Freiheit preist und wie zum Beginn des zweiten Akts der gefangene Florestan seine Freiheitssehnsucht singt. Selbst die eklatant misslungene jüngste Inszenierung des „Fidelio“ an der Bonner Oper bezog aus solchem Freiheitspathos noch ein Stück Kraft, obgleich gegen die Absichten des Regisseurs.

Brüderlichkeit und Freiheit – auch die historisch weniger Beschlagenen unter uns erkennen sofort, dass beide Schlagworte Teil der Trias sind, welche die große französische Revolution befeuerte. Der dritte Teil, die Gleichheit, fehlt freilich, und das mit Grund. Weder Schiller noch Beethoven hingen ihr an, es sei denn als Brüderlichkeit, welche die sozialen Unterschiede nicht leugnet, jedoch überbrückt.
Aber Freiheit gilt – in einer Stammbucheintragung von 1793, also kurz nach seiner Übersiedlung in die Metropole Wien, schrieb der junge Beethoven über sich selbst: „Mein Herz ist gut. Wohltun, wo man kann. Freiheit über alles lieben. Wahrheit nie, auch sogar am Throne nicht verleugnen.“ Woher kam ihm solche Erkenntnis? Die Antwort mag auch für manche unter uns neu sein: In der kurkölnischen Residenzstadt Bonn, der Stadt seiner Geburt, wo schon der Vierzehnjährige als Musiker im Dienste des Kurfürsten und Erzbischofs stand, in dieser kleinen Stadt wehte der Geist der europäischen Aufklärung. Immanuel Kant, dessen Philosophie an der durch den letzten Kurfürsten gegründeten Bonner Universität gelehrt und also auch dem Studenten Beethoven nahe gebracht wurde, beschrieb die Aufklärung in einer berühmt gewordenen Formel als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und als Aufforderung zum Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Dazu sei, so Kant, „nichts erfordert als Freiheit..., nämlich die, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“ Zentrum der aufklärerischen Bemühungen in Bonn war neben der Universität die für diesen Zweck gegründete, noch heute bestehende Lesegesellschaft, zu deren ersten Mitgliedern Beethovens Lehrer Neefe gehörte. Der weltoffene Kurfürst Max Franz, Bruder des österreichischen Reformkaisers Joseph II., förderte dies alles nach Kräften. Was der junge Beethoven in solchem Umfeld erfuhr, schlug sich nicht bloß in einem Stammbucheintrag nieder, sondern wurde Leitlinie für sein ganzes Leben.

Wien, wohin Beethoven 1792 ging, wurde freilich bald nach Josephs und dessen Nachfolgers Leopold Tode von anderem Geist geprägt. Die Habsburger Monarchie entwickelte sich unter Kaiser Franz, der im Jahr der Ankunft Beethovens den Thron bestieg, zunehmend zu einem Polizeistaat, für den politisch und symbolisch der Name des Fürsten Metternich steht. Zwar blieb Beethoven, der sich stets als ein „Republikaner“ in Kants Sinn, also als Anhänger der bürgerlichen Selbstregierung, bekannte, von persönlicher Bedrückung verschont dank seines hohen internationalen Ansehens. Aber die allgegenwärtige Zensur machte ihm zu schaffen, nicht nur beim Libretto des „Fidelio“, dem erst beim dritten Versuch 1814 das Freiheitspathos zugefügt werden konnte. Zuvor, anno 1808, hatte Beethoven einige Lieder des Elsässer Revolutionsdichters Johann Gottlieb Pfeffel vertont, darunter ein Lied über den „freien Mann“, das zum Beispiel die folgende Strophe enthält:

„Wer ist ein freier Mann?

Der, dem nur eigner Wille

Und keines Zwingherrn Grille

Gesetze geben kann:

Der ist ein freier Mann!“

Nicht in Wien konnte diese Liedersammlung erscheinen, wohl aber in Bonn, das damals zu Frankreich gehörte, bei Beethovens Freund Simrock (WoO 117). So übel kann also Napoleons Herrschaft nicht gewesen sein. Sie blieb freilich Fremdherrschaft. Freiheit des Gemeinwesens von solcher Fremdbestimmung zu erreichen, war darum und ist bis heute neben der individuellen Freiheit das zweite Ziel. Beethovens Begleitmusik zu Goethes, den Freiheitskampf der Niederlande gegen Spanien schilderndem, Trauerspiel „Egmont“, 1809 im Jahr des österreichischen Aufstands gegen Napoleon komponiert (op. 84), zeugt eindrücklich davon, zumal mit der abschließenden Siegessymphonie, die ein Beethovenkenner „ein tönendes Fanal der Hoffnung für alle Unterdrückten dieser Welt“ genannt hat. Und solche Unterdrückten gibt es auch heute wahrlich genug.

In einem früheren Vortrag bei den „Bürgern für Beethoven“ habe ich den Namenspatron Ihres Lions Clubs aus all den dargelegten Gründen einen „Freund der Freiheit“ genannt. Dies auch Ihnen ans Herz zu legen, ist heute mein Begehr. Ich behaupte sogar, dass Ludwig van Beethoven, lebte er unter uns, längst einem Lions Club beigetreten wäre. Denn auch wir Lions sind und wollen eben dies sein: Freunde der Freiheit. Nicht zufällig beginnt die gebräuchliche Deutung des Wortes Lions mit dem großen L: Liberty. Man lese dazu nach, welche Ziele sich unsere weltweite Vereinigung gesetzt hat: Sie will, dass wir alle

- den Geist gegenseitiger Verständigung unter den Völkern der Welt wecken und erhalten,

- die Grundsätze eines guten Staatswesens und guten Bürgersinns fördern,

- aktiv für die bürgerliche, kulturelle, soziale und allgemeine Entwicklung der Gesellschaft eintreten,

- ein Forum für die offene Diskussion aller Angelegenheiten von öffentlichem Interesse bilden.

Nur in einer freien, offenen Gesellschaft lassen sich diese Zielsetzungen verwirklichen. Es nimmt also nicht wunder, dass die Lions-Bewegung durch die nationalsozialistischen wie die kommunistischen Diktaturen rigoros aus ihrem jeweiligen Herrschaftsgebiet ausgesperrt wurde. Erst nach dem Sturz des Hitler-Regimes konnten im freien Westen Deutschlands, erst nach dem Fall der Mauer, mit ihr des Sowjetsystems, im deutschen Osten und darüber hinaus im ganzen ehemaligen Machtbereich der Sowjetunion Lions Clubs gegründet werden. Sie tun nicht nur viel Gutes, sondern haben, wie hierzulande seit langem, auch eine politische Funktion: Wer danach fragt, wie und durch wen die freie Demokratie weltweit in der Gesellschaft verankert wird, damit sie keine leere Hülle bleibt, sondern Stabilität und Dauer gewinnt, der wird die Lions-Bewegung nicht an letzter Stelle nennen dürfen.

Darf ich hier eine persönliche Bemerkung anschließen? Ich gehöre jener Generation an, die in ihrer Jugend noch die Hitler-Diktatur und den zweiten Weltkrieg bewusst miterlebt und erlitten hat. Für meine Freunde und mich war darum die klare Gegnerschaft zu dem anderen totalitären System, wie es von Lenin und Stalin errichtet und bis ins Herz Europas ausgedehnt worden war, so selbstverständlich wie Atmen und Denken. Uns war und bleibt die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit beiden Diktaturen ein wichtiger Teil unseres Lebens. Freiheit ist für uns kein abstrakter Begriff, sondern aus eigener, oft bitterer Erfahrung der Schlüssel zur besseren Gegenwelt, in welcher zuerst und vor allem die Würde der Person gilt. Eben darum trat ich vor über vierzig Jahren dem damals noch einzigen Lions Club in Bonn bei. So hoch ich in meinem Club Geselligkeit und Freundschaft wie ebenso die Activity für soziale Zwecke schätzen lernte, so blieb doch „Liberty“ für mich und für viele meiner Generation die Hauptsache, für die sich zu engagieren es galt und gilt.

Ich wünsche sehr, dass auch die meinen Freunden und mir nachfolgenden Generationen der Freiheit Vorrang geben. Das ist nicht einfach und sogar oft unpopulär in einer Gesellschaft, die dem Anschein nach in erster Linie dem schrankenlosen, egoistischen Lebensgenuss im Wohlstand nachstrebt. Ich meine, dass wir Lions solcher Deformierung der freien Demokratie Widerpart halten müssen. Dies umso mehr, als zur Freiheit stets als ihr Zwilling die Verantwortung gehört – Verantwortung vor dem eigenen Gewissen, vor den Mitmenschen, vor Kants Sittengesetz, vor Gott. In verantwortlicher Freiheit leben und für die Mitmenschen wirken, das ist das Ziel. Dass wir es oft genug verfehlen, ist dem Charakter des Menschen als einer Mischung aus Gut und Böse geschuldet. Es ändert aber nichts daran, was ein rechtes, ein erfülltes Leben ausmacht. Beethoven ist dafür ein gutes Vorbild. Mögen wir alle ihm nachstreben, und mögen wir nach unseren Kräften selbst die Vorbilder werden, die unser Land, die unsere Welt nötiger braucht denn je.

Aktuelle Meldungen

Keine Artikel in dieser Ansicht.

Beethoven - Lions Club Bonn